1970: A-Jugend im Endspiel um die deutsche Meisterschaft

Damals war´s  / Vor 50 Jahren griff eine Dorfmannschaft – die A Jugend des TUS Altrip – nach den Sternen

Ende der 70 er Jahre hat die A Jugend des TUS Altrip ein absolutes Glanzlicht gesetzt und somit einen der Höhepunkte in der Vereinsgeschichte geschrieben.

50 Jahre nach dem Finale in Bochum freut sich die fast komplette Truppe auf ein Wiedersehen. Am 11.07.2020 will man sich nach einem internen Mittagessen in der Vereinsgaststätte, ab 16:00 Uhr mit Freunden und Bekannten auf dem Sportgelände des TUS treffen, um die alten Zeiten nochmals hochleben zu lassen.

Durch das großzügige Mäzenatentum des Unternehmers Wolfgang Keller, den Fußballsachverstand des technischen Leiters Gerhard Heid wurde gezielt eine spielstarke A-Jugend mit Talenten aus Altrip, dem Stadt- und Landkreis Ludwigshafen aufgebaut. Trainiert von dem erfahrenen Hermann Jöckel (Torwart bei der 1949 er  Meistermannschaft des VfR Mannheim) und medizinisch u. physiotherapeutisch betreut von Dr. Gerner und Klaus Bauer wurde die Mannschaft gezielt auf die Saison 1969/70 vorbereitet. Basierend auf einer abgeklärten, zweikampfstarken Abwehr mit offensiven Verteidigern und soliden Torhütern, einem technisch brillanten Mittelfeld und einem torgefährlichen Sturm mit dribbelstarken und zielstrebigen Außenstürmern und einem klassischen Stoßstürmer wurde die Mannschaft systematisch aufgebaut.  Begegnungen mit renommierten Nachwuchsmannschaften von Bundesligisten wie Bayern München, Borussia Dortmund, Schalke 04, Herta BSC, VfL Bochum, 1. FC Kaiserslautern oder Eintracht Frankfurt hatte die Elf bravourös bestanden und reifen lassen.

Somit war man auf dem Weg zur Deutschen A Jugendmeisterschaft bestens vorbereitet. Der Gewinn der Meisterschaft der Bezirksklasse Nord im Spieljahr 1969/70 mit einem Punkt- und Torverhältnis von 35:1 bzw. 90:9! war nur noch Formsache. Im Spiel um den Vorderpfalztitel wurde der Südvertreter (SV Völkersweiler) im Vor- und Rückspiel mit jeweils 5:0 vom Platz gefegt.  Im Qualifikationsspiel um die Südwestmeisterschaft wurde der Nahemeister SC Idar-Oberstein vor 1200 Zuschauern souverän mit 5:1 geschlagen. Somit war der Einzug ins Endspiel gesichert. Gegner auf neutralem Platz (08 Haßloch) war Wormatia Worms (mit dem überragenden Torwart Rudi Kargus, dem späteren langjährigen Torwart des HSV). In einem hart umkämpften Match setzte sich Altrip vor 2800 Zuschauern in den Schlusssekunden der Verlängerung knapp mit 2:1 durch.  In der anschließenden Qualifikationsrunde zur Meisterschaft des  Fußball Landesverbandes Südwest standen sich gegenüber: der Saarland-meister 1. FC Saarbrücken, der Rheinlandmeister Eintracht Trier sowie der TUS Altrip als Meister des Südwestverbandes.

Im Spiel gegen Trier – mit dem späteren Starstürmer Klaus Toppmüller – setzte sich der TUS vor heimischer Kulisse (2000 Zuschauer)  mit einem ungefährdeten hochverdienten 3:1 Sieg durch.  Die nächste Station war das Ludwigsparkstadion in Saarbrücken.  Mit einem verdienten 3:2 Erfolg holte sich der TUS Altrip die Meisterschaft des Regionalverbandes Südwest und somit stand das Tor für die Endrunde zur Deutschen Jugendmeisterschaft offen.

Nun ging es in den Norden. Im Spiel gegen den Nordmeister Concordia Hamburg in Wilhelmsburg imponierte die TuS-Elf mit einem temporeichen   Spiel und gewann hochverdient mit 6:2 Toren (5 Tore durch Mittelstürmer R. Pfeiffer).

In der Endrunde um die deutsche Meisterschaft die in Bochum ausgetragen wurde standen sich gegenüber: Herta Zehlendorf Berlin, VfL Bochum, Eintracht Frankfurt und der TuS Altrip. Am Samstag den 11.07. wurde das Halbfinale gegen den VfL Bochum – den Vorjahrestitelträger – ausgetragen. Vor den Augen von Bundestrainer H. Schön, den DFB Trainern Widmayer und Heddergott und über 5000 Zuschauern setzte sich die TUS Elf mit einem knappen und hart umkämpften 1:0 Sieg durch. In der Einschätzung von vielen Fachleuten war diese Begegnung das vorweggenommene Endspiel.

Im 2. Halbfinale hatte die Herta 03 Zehlendorf Berlin das Glück auf ihrer Seite und kam nach einem torlosen 0:0 gegen Eintracht Frankfurt durch Losentscheid ins Endspiel.

Am 12.07.70 fand das Endspiel gegen Herta 03 Zehlendorf statt. Altrip galt als klarer Favorit und ging auch erwartungsgemäß mit 2:0 in Führung.  Doch Berlin hielt dagegen und erzielte schnell den Anschlusstreffer. Nach der Halbzeitpause kam Berlin  – gestützt durch einen sehr guten Torhüter, der seiner Elf Rückhalt und Sicherheit gab – stärker auf und die Altriper Feldüberlegenheit ging sukzessive verloren.  Geschockt von der energischen Gegenwehr der Berliner und dem frühen Ausgleichstor machte sich beim TUS immer mehr Nervosität breit. Ungewohnte Unsicherheiten und Fehler bei der sonst so souveränen Abwehr schlichen sich ein. So gab man das sicher geglaubte Spiel aus der Hand und verlor unglücklich mit 2:3.

Bei der abendlichen Rückkehr nach Altrip wurde der Mannschaft ein begeisterter Empfang bereitet. Im Begleitschutz der Feuerwehr ging es auf das Sportgelände des TUS , wo sich zahlreiche Bürger eingefunden hatten, um mit der Mannschaft diese einmalige Leistung zu feiern.  Es sollte eine lange Nacht werden.

Nach dieser Saison hatte sich die etablierte Mannschaft personell verändert. Viele Spieler hatten die Altersgrenze überschritten und waren in die Aktivität (Bayer, Gohlke, Huber, Klüh, Stein) aufgerückt. Einige der Leistungsträger (Kaltz, Pfeiffer, Rösel) wechselten zu anderen Vereinen, um an der weiteren Karriere zu stricken.

Die nachfolgenden Jugendmannschaften konnten diese gewaltige Zäsur nicht kompensieren und haben nur noch auf regionaler Ebene eine Rolle gespielt.

Aus dem Kreis der Protagonisten ist besonders der  Werdegang von Manfred Kaltz hervorzuheben. Bereits 1971 – als 18 jähriger – debütierte er im BL Spiel des HSV gegen Dortmund. Es sollten weitere 581 Bundesligaspiele, 13 Spiele in der französischen Liga sowie 69 A Länderspiele folgen. Kaltz gewann mit dem HSV 2 x den deutschen Pokal, 3 x die deutsche Meisterschaft, 1 x den Europapokal der Pokalsieger und 1 x den Europapokal der Landesmeister (vs. Juventus Turin). Mit der Nationalmannschaft wurde er 1980 Europameister und 1982 Vizeweltmeister.

Manager G. Heid verschlug es zum HSV. Bis zu seinem frühen Tod (März 1972) war es ihm gelungen eine Reihe von jungen Spielern (Kaltz, Kargus, Hidien, Memmering) nach Hamburg zu lotsen. Dies war die Grundlage für die Erfolge des HSV in den 70 er und 80 er Jahren.

Sportfreund Hans-Jürgen Klüh und seine Mitstreiter haben mit viel Akribie eine 168 seitige Broschüre verfasst, um dieses einmalige Erlebnis zu dokumentieren. Das mit der Unterstützung von vielen Inserenten und Spendern eingesammelte Geld sowie die Verkaufserlöse aus dem Verkauf der Broschüre werden nach Abzug der Druckkosten an die Fußballjugend des TUS Altrip übergeben. Es sind noch einige Exemplare verfügbar. Bei Interesse bitte Kontaktaufnahme mit M. Gruber (Tel. 30639).